12.01.2019 16:54
von Lisa Keilhofer
  Zuletzt bearbeitet: 12.02.2019 15:39

Antibiotikum. Schnelle Wirkung – langfristige Folgen

Antibiotikum – schnelle Wirkung, langfristige Folgen
Antibiotika erhöht nicht nur die Gefahr von Resistenzen, sondern hat viele andere unangenehme Folgen. (Picture: © alkov – stock.adobe.com)

Martin J. Blaser, von der New York University School of Medicine, veröffentlichte in der Dezember 2018-Ausgabe von „Cleveland Clinic Journal of Medicine“ einen kurzen Artikel über den aktuellen Stand der Mikrobiomforschung und seine Einschätzung dazu.

Nicht nur seine Position als Direktor des „Human Microbiome Program“ geben seinen Ausführungen besondere Relevanz, sondern auch die Tatsache, dass er trotz seiner fachlichen Kompetenz die Inhalte so herunterbrechen kann, dass auch ein Laie sie versteht. Er ist daher einer der wichtigsten Sprecher, wenn es darum geht, die „Mission Mikrobiom“ aus dem Elfenbeinturm der Forschung an die breite Masse der normalen Bevölkerung zu bringen – neben uns natürlich.

Zunächst beginnt er mit ein paar schockierenden Fakten zum Thema. Laut einer im November 2018 veröffentlichten Statistik sind stolze 40% aller Amerikaner fettleibig. Zählt man auch die „nur“ Übergewichtigen hinzu, sind es sogar Dreiviertel der Bevölkerung. Auch die unfassbare Rate von inzwischen knapp 20% an fettleibigen amerikanischen Kindern und Jugendlichen hat sich in den letzten zwanzig Jahren fast verdoppelt. Vergleicht man die Kinder aus Entwicklungsländern, so sind diese auf einem statistischen Wert, den Amerika bereits vor 30 Jahren erreicht hatte – ein mehr als bedenklicher Vorsprung!

Ein gesundes Maß an Bakterien geht zunehmend verloren

Als Grund für diese alarmierende Situation nennt Blaser das veränderte Vorkommen an Bakterien in unserem Mikrobiom. Dies ist zwar bei jedem Menschen individuell ausgeprägt, wird aber bei der (natürlichen) Geburt von der Mutter auf das Kind übergeben und konsolidiert sich durch die folgenden Umwelteinflüsse (Stillen, Hautkontakt, Küsse, Ernährung bis hin zum Spielen im Dreck) etwa in den ersten drei Lebensjahren. Dieser Grundstamm an Bakterien gilt als besonders wichtig für den Rest des Menschenlebens. Negative Einflüsse auf das Mikrobiom durch übertriebene Hygienemaßnahmen, vor allem aber die unnötige Gabe von Antibiotikum haben gravierende Folgen.

Schlimmer noch, wenn ein Mädchen schon als Kind keinen ausreichenden Bakterienpopulation ausbilden kann, wirkt sich dies nicht nur auf ihr eigenes Abwehrsystem und ihre Fähigkeit der Fettverarbeitung aus, sondern wird über Generationen hinweg weitergegeben. Eine stetig sich verringernde Vielfalt des Mikrobioms ist die fatale Konsequenz. (Das Wort „fatal“ im Sinne von „tödlich“ ist hier bewusst gewählt, weil nachweislich negative Folgen wie Fettleibigkeit, größere Anfälligkeit für Zivilisationskrankheiten, Allergien, Diabetes usw. steigen und damit automatisch die Lebenserwartung vergleichsweise sinkt, auch wenn das erreichte Alter womöglich durch andere medizinische Maßnahmen ausgeglichen werden kann.)

Antibiotikum als die Killermedizin

Als größtes Übel identifiziert Blaser ganz klar den Einsatz – und in seinen Worten „Missbrauch“ – von Antibiotika. Wieder beeindruckt er mit bedenklichen Zahlen: Pro Jahr werden weltweit 73 Milliarden (das sind 73.000 Millionen!) Dosen Antibiotika verabreicht. Auf den einzelnen Menschen heruntergerechnet sind es 10 pro Jahr, wobei selbstverständlich eine enorme Ungleichverteilung in der Weltbevölkerung anzunehmen ist, der reale Wert ist für viele Menschen also drastisch höher. (Lesen Sie hier: Alternativen zu Antibiotika)

Und wieder führt Blaser die USA als Negativbespiel an. Schwindelerregende 50% aller Frauen erhalten während der Schwangerschaft oder Geburt Antibiotikum. Damit wird die bakterielle Entwicklung im neuen Menschen von Geburt an gehemmt. Dass der Einsatz von Antibiotika stark auf allgemeinen medizinischen Gepflogenheiten im Land beruht und nicht auf den Zustand der Patienten, verdeutlicht der Ländervergleich, etwa mit Schweden, wo 60% weniger Antibiotikum verschrieben wird.

Antibiotikum als verstecktes Gift in Lebensmitteln

Das Vorkommen von Antibiotika in Lebensmitteln führt Blaser als zusätzliche Belastung an, es dürfte klar sein, dass auch gerade in den USA dies ein nicht zu vernachlässigender Faktor ist. Perfiderweise wird Antibiotikum exakt aus dem Grund in der industriellen Lebensmittelproduktion eingesetzt, aus dem es dem Menschen so sehr schadet: es begünstigt Fettleibigkeit – ein Umstand, der in der Masttierhaltung deutlich mehr wertgeschätzt wird als beim Endverbraucher (der sich mangels Information oft nicht dessen bewusst ist, dass die Konsequenz bei ihm nur verspätet eintritt).

Versuche an Mäusen bestätigen, dass die Gabe von Antibiotika ab Geburt schon in geringen Dosen langfristige Wirkungen auf die Fettleibigkeit und das Immunsystem mit sich bringt. Selbst kurzfristige Gaben erzielen langfristige Effekte. Analog dazu gibt es Untersuchungen an Kindern, deren Mikrobiom nachhaltig durch die Gabe von Antibiotikum beeinträchtigt wurde, etwa in Form von Darmkrankheiten.

Blasers Appell an Mediziner – vor allem Kinderärzte – ist also, von unnötigen Antibiotika-Gaben abzusehen. Zusätzlich soll die Wissenschaft das Mikrobiom möglichst genau entschlüsseln, sodass Schäden künftig bestmöglich repariert werden können.

Lisa Keilhofer
Lisa Keilhofer
Autor

Lisa Keilhofer studierte an der Universität Regensburg. Sie arbeitet im Bereich Internationalisierung und als freiberufliche Lektorin.

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