02.06.2020 10:48
von Stefanie Wisshak
  Zuletzt bearbeitet: 19.06.2020 10:41

Bakterielle Vaginose effektiv behandeln

Bakterielle Vaginose
Ein häufiges Übel bei Frauen - bakterielle Vaginose. (Picture: © Maksymiv Iurii - stock.adobe.com)

Häufiges Übel – bakterielle Vaginose

Viele Frauen leiden unter wiederkehrenden bakteriellen Vaginosen – einem Ungleichgewicht in der bakteriellen Zusammensetzung zugunsten krankmachender Bakterien in der Scheide (Vagina). Von Natur aus ist die Vagina einer erwachsenen Frau im geburtsfähigen Alter hauptsächlich mit verschiedenen Arten von Laktobazillen (zum Beispiel Lactobacillus crispatus) besiedelt. Unter ungünstigen Einflüssen kann sich die gesunde Vaginalflora verändern und es treten vermehrt Bakterien auf, die zu unerwünschten Symptomen führen (v. a. Ausfluss, fischartiger Geruch, evtl. Entzündung) und ernste Folgen nach sich ziehen kann. So wurden etwa Früh- und Fehlgeburten oder ein erhöhtes Risiko für eine Infektion mit dem HI-Virus damit in Zusammenhang gebracht. Die Menge an Laktobazillen, die durch ihre pH-Wert-senkende Eigenschaft einen schützenden Effekt aufweisen, nimmt bei einer bakteriellen Vaginose rapide ab; dagegen vermehren sich Keime wie Gardnerella vaginalis oder andere Anaerobier stark.

Die Ursachen für die Dysbiose in der Vagina sind vielfältig; genannt werden Veranlagung, übertriebene Genitalhygiene, Behandlungen mit Antibiotika, Anwendung einer Kupferspirale oder Stress. Bei einer bereits angeschlagenen Scheidenflora kann auch Geschlechtsverkehr das Risiko für diese Erkrankung erhöhen.

Die vaginale Mikroflora
Die vaginale Mikroflora - Reinheitsgrad der Vagina. (Picture: © Artemida-psy - stock.adobe.com)

Am Anfang sollte die Diagnostik stehen

Bevor behandelt wird, sollte immer eine genaue Diagnostik erfolgen, um andere Erkrankungen wie die Candidose (Besiedlung mit Hefepilzen) oder einen Befall mit Trichomonaden auszuschließen. Die klassische Vorgehensweise bei der schulmedizinischen Behandlung ist der Einsatz von Antibiotika, wie zum Beispiel Metronidazol oder Clindamycin. Abgesehen von der langen Liste an möglichen Nebenwirkungen ist hervorzuheben, dass der vermeintliche Heilungserfolg von ca. 70 bis 80 % ziemlich enttäuschend ist – wenn wir uns die hohe Rezidivrate von 50 % innerhalb von 12 Monaten anschauen. Die Rezidivrate beschreibt die Häufigkeit des Wiederauftretens einer Erkrankung nach temporär erfolgreicher Behandlung. Trotz dieser hohen Wahrscheinlichkeit, dass die bakterielle Vaginose wiederkehrt, wird weiterhin mit Antibiotika behandelt.

Mit Biotherapeutika gegen Rezidive vorgehen

Um dem etwas entgegenzusetzen, untersuchen Forscher schon seit vielen Jahren, ob die hohe Rückfallquote durch eine prophylaktische Gabe von Laktobazillen (nach einer Behandlung mit Antibiotika) vermindert werden kann.

Eine sehr vielversprechende, randomisierte, placebokontrollierte Phase-II-Doppelblindstudie wurde von 2016 bis 2019 durchgeführt und im Mai 2020 im New England Journal of Medicine veröffentlicht. In der von Craig R. Cohen et al. durchgeführten Studie wurde ein Produkt der amerikanischen Firma Osel Inc. untersucht – das Biotherapeutikum Lactin-V (Lactobacillus crispatus CTV-05), das in Pulverform mittels Vaginalapplikator direkt in die Scheide eingebracht wird. L. crispatus gehört zu den am häufigsten anzutreffenden Laktobazillen in der gesunden Vaginalflora. Sie produzieren u. a. Milchsäure und Wasserstoffperoxid, die das Wachstum von Bakterien, die eine bakterielle Vaginose fördern, unterdrücken.

So wurde getestet

Die Untersuchungsgruppe bestand aus insgesamt 228 Frauen im Alter von 18 bis 45 Jahren, welche die Diagnose bakterielle Vaginose erhalten und eine Behandlung mit Metronidazol-Gel durchgeführt hatten. Zwei Drittel von ihnen waren in der Lactin-V-Gruppe, ein Drittel in der Placebo-Gruppe. Behandelt wurde innerhalb von 48 h nach der letzten Metronidazol-Gabe und über einen Zeitraum von 11 Wochen (in der ersten Woche an 5 aufeinanderfolgenden Tagen, wobei die erste Gabe unter Aufsicht in der Klinik stattfand, danach 2-mal wöchentlich über 10 Wochen hinweg). Klinische Untersuchungen wurden nach 4, 8, 12 und 24 Wochen durchgeführt, dabei wurde auch die Ansiedlungsrate von L. crispatus CTV-05 gemessen. Über beeinflussende Faktoren wie Menstruation, sexuelle Aktivität oder Sonstiges wurde von den Teilnehmerinnen Buch geführt.

Vielversprechende Ergebnisse – kurz zusammengefasst

  • Bis zur 12. Woche war es nur bei 30% der Frauen in der Lactin-V-Gruppe zu einem Rezidiv gekommen, in der Placebo-Gruppe waren es 45 %. Dieser Effekt wird sowohl von den Autoren der Studie als auch vom National Institute of Health als signifikant gewertet.
  • Von den Frauen, bei denen innerhalb der ersten 12 Wochen keine erneute bakterielle Vaginose auftrat, kam es bis zur 24. Woche bei nur 12 % der Frauen in der Lactin-V-Gruppe (13 von 106 Frauen) zu einem Rezidiv, in der Placebogruppe waren es 17 % (7 von 42 Frauen). Ein positiver Effekt ist also auch nach der Behandlungszeit mit Lactin-V klar zu erkennen.
  • Eine Besiedlung der Vagina mit L. crispatus CTV-05 in der Lactin-V-Gruppe konnte nach 12 Wochen bei fast 80 % und nach 24 Wochen bei fast 50 % der Teilnehmerinnen nachgewiesen werden.

Es wurden keine Sicherheitsrisiken für die Anwendung von Lactin-V festgestellt.

Wie geht es weiter?

Es sind weitere Studien der Phase-III notwendig, bevor Lactin-V zur Marktreife gelangt. Doch die positiven Ergebnisse lassen bei Forschern, Entwicklern und auch bei uns die Hoffnung aufkeimen, dass das Produkt nicht nur als Anschlussbehandlung zur Rezidiv-Prophylaxe zum Einsatz kommen, sondern generell der Stärkung des Vaginal-Mikrobioms dienen könnte. Das wäre ein weiterer Meilenstein auf dem Weg zum Verzicht auf Antibiotika!

Stefanie Wisshak
Stefanie Wisshak
Autorin

Stefanie Wisshak arbeitete als Technische Assistentin im Bereich Mikrobiologie und Biochemie und studierte außerdem Geowissenschaften an der Universität Stuttgart. Heute bietet sie freiberuflich Texterstellung, Lektorat und Design an.

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