10.03.2020 11:08
von Lisa Keilhofer
  Zuletzt bearbeitet: 19.06.2020 10:45

Das Vaginale Mikrobiom – ein versteckter Kosmos

Vaginales Mikrobiom
Immer noch ein Tabuthema: Vagina (Pic: © Iryna - stock.adobe.com)

Das menschliche Darm-Mikrobiom erfuhr in den letzten Jahrzehnten einen rasanten Zuwachs an öffentlichem Interesse. Bücher wie „Darm mit Charme“ wirkten wie Eisbrecher für dieses Thema. Wer sich vor kurzem noch unangenehm berührt fühlte, wenn öffentlich über seine Stuhlprobe gesprochen wurde, der ist heute Experte in puncto Darmbesiedelung und Auswirkungen auf das allgemeine Wohlbefinden. Das Darm-Mikrobiom ist das wohl komplexeste in und auf unserem Körper, aber bei Weitem nicht das einzige. Mund und Rachen, die Haut, die Lunge, alle diese Körperregionen sind mit einem spezifischen Mikrobiom besiedelt. Die Kosmetikindustrie schreibt sich heute die Mikrobiom-Freundlichkeit ganz groß auf die Fahnen. Wir sind also schon deutlich aufgeklärter und abgeklärter als noch vor weniger Jahren.

Tabuthema Vagina

Trotz aller überwundenen Scheu bezüglich Darm-Bakterien und Haut-Mikroben gibt es aber nach wie vor ein Thema, das mit einem gewissen Tabu behaftet zu sein scheint: das Vaginale Mikrobiom. Während heute mit großer Selbstverständlichkeit über Reizdarm gesprochen wird, ist der unerfüllte Kinderwunsch oder eine Gebärmutterentzündung immer noch etwas, das man bestenfalls mit dem Partner oder Frauenarzt bespricht, aber bloß nicht in der Öffentlichkeit. Man könnte also an dieser Stelle noch einen Schritt weitergehen, was das über gesellschaftliche Doppelmoral in Zeiten von sexueller Aufgeklärtheit aussagt. Aber das soll nicht Thema dieses Artikels sein. Stattdessen möchten wir dem entgegenwirken und endlich ein paar Fakten verbreiten, über eine Körperregion, die immerhin die Hälfte der Bevölkerung ein Leben lang beeinflusst.

Ein sich ständig wandelndes Ökosystem

Das Reproductive Biomedicine Journal veröffentlichte kürzlich eine Übersicht, über den derzeitigen Erkenntnisstand der Vaginalen Mikrobiom-Forschung. Zunächst ist festzuhalten, dass die weibliche Vagina im Laufe des Lebens nicht immer gleich besiedelt ist. Das Mikrobiom bei Babys und Mädchen im Kleinkindalter ähnelt in seiner Zusammensetzung dem Mikrobiom des Darms. Im Laufe der Jahre und zur Pubertät hin wandelt sich die Besiedlung dann und es finden sich zunehmend Lactobacillus Spezies in der Vagina. Dieser Vorgang dient der Vorbereitung auf eine mögliche Empfängnis. Lactobacillus Bakterien können Kohlenhydrate und Zucker zu Milchsäure verstoffwechseln. Diese wiederum sorgt für einen ungünstigen pH-Wert für pathogene Bakterien und beugt damit unliebsamen Infektionen vor.

So ist bekannt, dass einer der häufigsten Gründe für Fehl- und Frühgeburten intrauterine Infektionen sind. Häufig gelangen dabei Bakterien über die Vagina und Zervix in die Plazenta und besiedeln diese. Dadurch verändert sich die Umgebung für den Embryo hinsichtlich Mikrobiom-Zusammensetzung und pH-Wert zum Negativen. Fehlbildungen, Abgänge oder Frühgeburten können die Folge sein. Ein intaktes Mikrobiom sorgt also für deutlich erhöhte Aussichten auf eine erfolgreiche Schwangerschaft.

Ein fragiles System, das vielen Einflüssen unterliegt

Aber nicht nur durch diese „Fremdbesiedlung“ verändert sich das Vaginale Mikrobiom. Auch der schwankende Hormonhaushalt (innerhalb eines Zyklus, innerhalb einer Schwangerschaft und innerhalb der gesamten Lebensspanne der Frau) wirkt sich auf die Zusammensetzung des Mikrobioms aus. Im Laufe der Pubertät steigt der Östrogen- und Progesteron-Level und die veränderten Bedingungen begünstigen eine Laktobazillus-Besiedelung, die wiederum eine perfekte Ausgangssituation für eine Schwangerschaft bildet.

Aber auch Umwelteinflüsse wie Rauchen, sexuelle Aktivität, die Einnahme von Hormonen (zum Beispiel zur Empfängnisverhütung), zunehmendes Alter und auch die Genetik haben einen Einfluss auf die Diversität und Zusammensetzung des Mikrobioms. So variiert beispielsweise die Anzahl an Escherichia coli Bakterien und Candida Spezies zwischen Nutzerinnen von Diaphragma und Pille erheblich. Das Ganze ist also ein hochkomplexes System, dessen Funktionalität einer ganzen Reihe von Faktoren unterliegt und das wir oft unbewusst drastisch beeinflussen.

Sogar die Ethnie ist ausschlaggebend dafür, wie es im Vaginalen Mikrobiom aussieht. So ist beispielsweise der pH-Wert bei Hispano- und schwarzen Frauen höher als bei Asiatinnen und weißen Frauen. Dies legt die Überlegung nahe, dass auch die Genetik hier einen starken Einfluss hat (Link zum Forschungsartikel).

Wichtige Erkenntnisse für erfolgreiche Behandlungen

Wie so oft im Themenkomplex des Mikrobioms kommt man am Ende zum Schluss, dass man das Mikrobiom am besten möglichst sich selbst überlässt und versucht, exogene Einflüsse auf ein Minimum zu reduzieren. Rauchen, Drogen, Hormontherapien und so weiter, all das kann dieses fragile Konstrukt aus dem Gleichgewicht bringen. Gleichzeitig ist es wie bei jedem komplexen System sehr schwierig, steuernd einzugreifen. Der Einsatz von Antibiotika kann unter Umständen nötig sein, aber bevor man sich für eine Therapie entscheidet, sollte man wie immer eine sorgfältige Risiko-Nutzen-Abwägung anstellen, denn selbstverständlich wird auch das vaginale Mikrobiom durch Antibiotika zunächst einmal dezimiert und muss sich erst wieder regenerieren (mehr zum Thema Antibiotika).

Im Leben einer Frau kann es immer einmal zu Komplikationen kommen, die den Einsatz von Hormonen, Antibiotika oder anderen Medikamenten rechtfertigen. Dann sollten aber möglichst auch die eben genannten Erkenntnisse hinzugezogen werden. In welcher Lebensphase befindet sich die Frau und wie sollte ihr gesundes Mikrobiom zusammengesetzt sein? Ist eine Schwangerschaft geplant? Welche Behandlungen wurden schon durchgeführt? Wenn alle diese Punkte gewissenhaft überprüft werden, kann eine Therapie von Frau zu Frau ganz unterschiedlich aussehen. Und je mehr wir über den Lebenszyklus eines gesunden Vaginalen Mikrobioms und seine Funktion wissen, umso erfolgreicher können zukünftig Anwendungen sein. So kann beispielsweise eine Probiotika-Kur eine sanfte Alternative sein: Link zur Studie.

Und was ist mit Pflegeprodukten?

Neben medizinisch notwendigen Anwendungen, stellt sich vielen Frauen die Frage, welche Intimpflegeprodukte sinnvoll und notwendig sind. Ähnlich wie bei der Medikation durch Hormone und Antibiotika gilt die Devise, dass sparsamer Gebrauch von Substanzen gleich welcher Art die richtige Herangehensweise ist. Für die Reinigung des Intimbereichs sollten möglichst pH-neutrale Produkte verwendet werden, die keine Zusatzstoffe enthalten. Auf gar keinen Fall sollte man rein „kosmetische“ Produkte verwenden, die beispielsweise nur parfümieren, ohne einen echten Mehrwert zu liefern. Die Produkte sollten im besten Fall „Mikrobiom-freundlich“ getestet sein, um sicherzugehen, dass dieses komplexe und empfindliche System aus dem Gleichgewicht gerät.

Wir freuen uns also, dass auch diese Körperregion die nötige Aufmerksamkeit erfährt und in Zukunft hoffentlich Mikrobiom-freundliche Behandlungen Standard werden.

Lisa Keilhofer
Lisa Keilhofer
Autor

Lisa Keilhofer studierte an der Universität Regensburg. Sie arbeitet im Bereich Internationalisierung und als freiberufliche Lektorin.

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