07.01.2019 15:14
von Lisa Keilhofer
  Zuletzt bearbeitet: 07.01.2019 16:03

Der kluge Bauch. Unser zweites Gehirn.

Der Bauch - unser zweites Gehirn
Der Bauch - unser zweites Gehirn (picture: © wowow – stock.adobe.com)

(Zusammenfassung einer arte-dokumentation)

Mitte November 2018 strahlte der deutsch-französische Fernsehsender arte eine Doku-Sendung mit dem Titel „Der kluge Bauch. Unser zweites Gehirn“ aus. Ausgangspunkt für die Erklärung des zweiten Gehirns in uns, wie der Titel lautet, war die Feststellung, dass die ersten Lebensformen auf unserem Planeten kein Gehirn im eigentlichen Sinn hatten, sondern nur einen Verdauungsapparat. Und erst als die frühen Menschen Feuer entdeckten und damit ihre Nahrung kochen konnten, wurde dem Verdauungstrakt so viel Energie abgenommen, dass sich durch die freiwerdenden Kapazitäten das Gehirn  mit den geistigen Fähigkeiten des modernen Menschen entwickeln konnte. Das zweite Gehirn ist also genau genommen das, was wir in unserem Kopf haben. Das erste Gehirn ist unser Bauch.

Um diese These zu untermauern, wurden zunächst ein paar Zahlen und Fakten zum Bauch angeführt: Unser Verdauungssystem enthält ähnlich viele Nervenzellen wie das Gehirn eines Hundes oder einer Katze - etwa 200 Millionen. Auch die Neuronenstruktur ist ganz ähnlich wie im Gehirn.

Der Mensch als dicht besiedeltes Bakterien-Habitat

Und was der Volksmund schon mit Begriffen wie dem „Bauchgefühl“ andeutet, bestätigen numerische Vergleiche: Ein menschlicher Körper enthält Milliarden Bakterienzellen, das sind tausendmal mehr Bakterien als Sterne in unserer Galaxie sind und hundertmal mehr Bakterien im Bauch als menschliche Zellen im Körper. Unser Bauch – oder konkreter unser Mikrobiom ist also das am dichtesten besiedelte Ökosystem der Erde.

Der Mikrobiom-Forscher Stephen M. Collins von der McMaster University in Hamilton (Kanada) bringt diese beeindruckende Tatsache auf den Punkt: Der Mensch ist vor allem ein Transporter für Bakterien. In unserem Körper leben rund 1-2 kg Bakterien, die 30% unserer Kalorien erzeugen. Den Großteil der Nahrung, die der Mensch aufnimmt, verdauen Bakterien. Der Mensch nutzt die so gewonnene Energie. Als Gegenleistung dient der menschliche Organismus den Bakterien als Wohnort und Nahrungslieferant. Neben der Verdauung helfen Bakterien zu ermitteln, welche Stoffe giftig oder ungiftig sind. Unser Mikrobiom im Bauch ist somit das wichtigste Immunsystem in unserem Körper. Wir leben also mit unseren Bakterien in einer Symbiose.

Wie gelangen die Bakterien in unseren Körper?

Wird ein Baby geboren, wird zunächst der Darm mit Bakterien besiedelt. Diese wählen dann neue Bakterien aus, die im Körper zugelassen oder abgewehrt werden, bis sich die Population in den ersten Lebensmonaten stabilisiert. So verfügt jeder Mensch über sein individuell zusammengesetztes Mikrobiom.

Die Gefahren für dieses geniale und wertvolle System sind Kaiserschnitt-Geburten, Füttern durch Flaschennahrung, übermäßige Hygiene oder Einnahme von Antibiotika durch Mutter oder Kind. Was der Bericht nicht explizit thematisiert, inzwischen in der Forschung aber bekannt ist, ist die Tatsache, dass das „normale Mikrobiom“ eines Menschen stark durch die Einflüsse der Zivilisation gefährdet ist. Die ganz genauen Ursachen sind zwar noch nicht exakt erforscht, aber klar ist, dass sich die Diversität des Mikrobioms stark zurückbildet.

Aktuelle Forschungen zum Mikrobiom

Collins meint, dass in Zukunft Babies eine Art Impfung bei Geburt bekommen könnten, um die bestmöglichste Auswahl an Bakterien zu erhalten. Im Laufe des Lebens soll diese dann mehrfach aufgefrischt werden und so das Mikrobiom in seiner großen Diversität erhalten bleiben. Aktuell wird daran geforscht, welche Bakterien so eine Impfung im Idealfall enthalten soll.

An diesem Ziel arbeitet unter anderem Dusko Ehrlich am INRA in Jouy-en-Josas (Frankreich). Bei seinen Forschungsarbeiten zur Entschlüsselung des Mikrobiom-Genoms ist er zu der Erkenntnis gelangt, dass es drei verschiedene Gruppen von Mikrobiom-Genomen gibt, die er Enterotypen nennt. Interessant ist, dass weder Herkunft, Geschlecht noch Alter ausschlaggebend für die Zugehörigkeit zu einem Enterotyp sind. Gene, Wohnort oder Nahrung dagegen gelten als möglicher Einfluss. Auf diesem Stand ist die Forschung heute.

Ein Bakterium gegen Fettleibigkeit?

Wissenschaftler möchten klären, welche Rolle die Zusammensetzung des Mikrobioms bei chronischen Krankheiten wie Typ2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen usw. spielt. Hier mehr über die Auswirkungen eines gestörten Mikrobioms.

Eine sehr interessante Erkenntnis erlangte Patrice Cani von der Université de Louvain (Belgien) bei der Untersuchung der Darmflora Übergewichtiger. Er fand heraus, dass das Bakterium Akkermansia muciniphila bei Adipösen fehlt. In einer Versuchsreihe fütterte er Mäuse mit dem Bakterium und stellte fest, dass die „infizierten“ Tiere auf fetthaltige Nahrung weniger Gewichtszunahme zu verzeichnen hatten, als die Vergleichsgruppe ohne das Bakterium. Es wurde also offenbar weniger Energie aus der Nahrung in den Zellen gespeichert. Das relevante Bakterium lebt im Schleim, der unsere Darmzellen schützt und tritt in Kommunikation mit Darmzellen.

Diese vielversprechende Erkenntnis lässt aufhorchen: Könnten wir das A. muciniphila Bakterium einfach als Medikament oder Nahrungsergänzung zu uns nehmen? Wissenschaftler sagen, nein. 10% der Fettverarbeitung ist über die Genetik beeinflusst, 10% über Bakterien und die restlichen 80% durch unser Ess- und Bewegungsverhalten bestimmt.

Ist unser Gehirn Herr über unsere Persönlichkeit oder ist es ebenfalls beeinflusst?

Stephen Collins kommt aber noch zu einer anderen bemerkenswerten Erkenntnis: Er wählte zwei Gruppen von Mäusen, die eine ruhig, die andere aggressiv (sog. Schweizer Mäuse). Dann tauschte er das Mikrobiom der beiden Gruppen. Und siehe da: die Persönlichkeiten der Mäuse änderten sich entsprechend dem Mikrobiom. Die ruhigen Mäuse wurden plötzlich aggressiv und anders herum. Es ist also erwiesen, dass unser Mikrobiom unser Gehirn beeinflusst. Diese Erkenntnis erregte in der Wissenschaft weltweit Aufmerksamkeit.

Die relevante Frage ist nun natürlich, ob die Versuche auf Menschen übertragbar sind. Damit könnten wir mit Ernährungsumstellungen und entsprechenden Impfungen gegen Depressionen oder Aggressionen ansteuern. Bisherige Studien zu Nahrungsergänzungsmitteln wie Probiotika mahnen aber zur Zurückhaltung:  Die Ansiedlung der gewünschten Bakterien kann keineswegs „geimpft“, sondern höchstens begünstigt werden.

Gleichzeitig gibt es Studien, die eindeutig belegen, dass probiotische Ernährung gewisse Hirnregionen deaktiviert und negative Emotionen oder Stress eindämmen kann. Zwar warnen Forscher vor vorschnellen Schlüssen, da die Forschung noch ganz am Anfang steht, aber Probiotika wirken auf jeden Fall nachweislich auf unser Gehirn und unsere Gesundheit.

Bilden Bakterienstämme eine dritte Intelligenz in unserem Körper?

Collins fasst es folgendermaßen zusammen: wir sind zwar nicht kontrolliert von unseren Bakterien, aber dennoch haben diese einen eindeutigen Einfluss darauf, was wir sind und wie wir uns verhalten.

Laut Collins gibt es also neben Kopfhirn und Bauchhirn noch eine dritte Intelligenz in unserem Körper, nämlich die der Bakterien. Diese Erkenntnis führt zu einem Paradigmenwechsel in der Forschung. Es gibt offenbar keine klare Trennung zwischen dem Ich und der Außenwelt, sondern wir befinden uns in einem komplexeren System der Realität, bestehend aus noch nicht erforschten Netzwerken aus tausenden Genen, Milliarden Nervenzellen und hundert Milliarden Bakterien. Die Komplexität übersteigt – noch – unsere Vorstellungskraft.

Lisa Keilhofer
Lisa Keilhofer
Autor

Lisa Keilhofer studierte an der Universität Regensburg. Sie arbeitet im Bereich Internationalisierung und als freiberufliche Lektorin.

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