25.06.2021 15:50
von Lisa Keilhofer
  Zuletzt bearbeitet: 21.07.2021 13:30

Immer in Balance bleiben – innerlich, äußerlich und mental

Immer in Balance bleiben – innerlich, äußerlich und mental
Immer in Balance bleiben – innerlich, äußerlich und mental (Bild: © Hladchenko Viktor - stock.adobe.com)

„Die Balance zu halten“ ist der Inbegriff der Lebensmaxime des 21. Jahrhunderts. Wir haben eingesehen, dass wir eine „Work-Life-Balance“ zum Wohlbefinden benötigen, dass wir „nachhaltig“ mit unseren Ressourcen umgehen müssen, also nicht mehr nehmen, als nachwachsen kann. Yoga und entsprechende Anschauungen haben Einzug in die westliche Welt gefunden. Der Einklang von innerer und äußerer Balance ist in unserem Denken allgegenwärtig.

Gleichzeitig sehen wir, wie weltweit Ökosysteme aus dem Gleichgewicht geraten und dadurch die Artenvielfalt zerstört wird, wie der ganze Planet ins Ungleichgewicht zu kippen scheint. Und nun lernen wir, wie auch auf und in uns Ökosysteme in der Balance sein können – oder eben aus dem Gleichgewicht kommen können.

Die Mähr von guten und schlechten Bakterien

Was für unseren Gemütszustand und den Zustand unseres Planeten gilt, gilt auch für unser Mikrobiom: Es gibt praktisch keine ausschließlich guten oder schlechten Bakterien. Für ein ausgewogenes Verhältnis und eine für den Menschen nützliche Koexistenz ist aber wichtig, dass das richtige Bakterium in der richtigen Menge an der richtigen Stelle auf oder in unserem Körper vorkommt. Dann kann es seine Funktion planmäßig erfüllen, uns bei der Abwehr pathogener Eindringlinge behilflich sein oder beispielsweise bei der Verwertung von Lebensmitteln mitwirken.

Gelangt aber ein Bakterium an eine nicht dafür vorgesehene Körperregion, kann genau dieses bis dato harmlose, nützliche Bakterium plötzlich Entzündungen, Blutvergiftungen oder andere Infektionen hervorrufen, die nicht selten zum Tod führen. Ein paar Beispiele gefällig?

Corynebacterium jeikeium – der Opportunist

Beginnen wir mit einem der allgegenwärtigsten Mitbewohner auf unserer Haut, dem Bakterium Corynebacterium jeikeium. Studien zu diesem Bakterium wurden in der sogenannten Bielefelder Studie vorgestellt, die im Journal of Bacteriology veröffentlicht wurden (1). Bei Kindern und Jugendlichen noch wenig vertreten, nimmt es im Laufe der Pubertät stetig zu und ist auf der Haut eines gesunden Erwachsenen ein wesentlicher Bestandteil. Das Bakterium ernährt sich von Substanzen im Fettfilm unserer Haut und katalysiert mit Lyasen Stoffwechselprodukte, die unter anderem für schlechten Körpergeruch verantwortlich sind (2). Aber abgesehen davon geht zunächst keine Gefahr von dem Bakterium oder seinen Stoffwechselprodukten aus.

Dies ändert sich aber, sobald das Bakterium in den Körper gelangt, etwa durch offene Wunden. Da dies vermehrt in Krankenhäusern der Fall ist, etwa bei Operationen oder bei der Versorgung von Wunden, werden hier auch die meisten Komplikationen verortet. Gelangt das lipophile Corynebacterium jeikeium in unseren Körper, kann es dort durch Zerstörung von Gewebe Herzinnenwandentzündungen oder Blutvergiftungen auslösen. Besonders brisant: Da bei diesem Bakterium mittlerweile sehr häufig Antibiotikaresistenzen vorkommen, ist diesem nur noch mit hochdosierten Antibiotika wie Vancomycin und Teicoplanin beizukommen. Beide Antibiotika-Typen bringen erhebliche Nebenwirkungen mit sich.

Staphylococcus epidermidis – der Kämpfer mit potenten Waffen

Beinahe noch häufiger finden wir auf unserer Haut das Bakterium Staphylococcus epidermidis. Auf unserer äußeren Hülle ist es millionenfach vorhanden und sorgt dafür, dass unsere Haut nicht von schädlichen Bakterien besiedelt wird. Problematisch wird es, sobald S. epidermis in unseren Körper gelangt, wie ein Artikel der Frankfurter Rundschau zusammenfasst (3). Dann nämlich kommt eine besondere Eigenschaft des Bakteriums zu tragen: Es haftet sich „geradezu magnetisch mittels Oberflächenproteinen an jeden noch so glatten Fremdkörper“, wie es in dem Artikel heißt. Gerade für Patienten, die Prothesen, künstliche Herzklappen oder Herzkranzgefäße, künstliche Venen oder andere Implantate in sich tragen, wird ein Eintreten in den Körper oft zum Verhängnis.

Die Fremdkörper werden in kürzester Zeit besiedelt, das Bakterium reproduziert sich mit der für diese Bakterien üblichen Geschwindigkeit von circa 50 Minuten. Dadurch vermehrt sich ein einzelnes Bakterium innerhalb eines Tages exponentiell und bildet schließlich kaum angreifbare schleimumhüllte Biofilme. Häufig können weder unsere Immunabwehr wie spezielle Leukozyten oder Antikörper, noch Antibiotika den Kampf gegen diese Invasion gewinnen und eine schleichende, chronische Entzündung ist zunächst die Folge. Im schlimmsten Fall kommt es zu Blutvergiftungen, denen häufig auch mit der Medikation von Antibiotika nur schwer beizukommen ist. In rund 25 Prozent der Fälle enden sie tödlich.

Nicht zu fassen – warum befallene Implantate meist nicht behandelt werden können

Warum die Behandlung von befallenen Implantaten so schwierig ist, fasst eine Studie um Prof. Dr. Friedrich Götz der Universität Tübingen zusammen (4). Sowohl die körpereigene Immunabwehr als auch Antibiotika werden über die Blutbahn transportiert. Da Implantate in meist nicht gut durchblutete Körperregionen eingebracht werden, ist eine Behandlung also sehr schwer möglich, die betreffenden Teile müssen in der Regel wieder entfernt werden. Die Häufigkeit gibt das Forscherteam mit etwa 2% bei künstlichen Hüften bis etwa 30% bei Dauerkathetern an. Lösungsansätze werden aktuell erarbeitet, beispielsweise über andere Beschichtungen der verwendeten Materialien. Aber auch dieser Ansatz bringt Risiken mit sich. So zeigten sich Silberionen-Implantate zwar als weniger anfällig für Infektionen, dennoch fehlen bisher Langzeitstudien, ob das Material nicht an und für sich schädlich für den Körper ist.

Prevotella copri - Freund oder Feind?

Die beiden genannten Beispiele zeigen Hautbakterien, die die durch Operationen oder Mikroverletzungen in den Körper eindringen können und deshalb Schaden verursachen. Ein noch perfideres Beispiel ist das Bakterium Prevotella copri, das in unserem Darm ansässig ist. Unsere Vorfahren hatten noch ganze vier P. copri Stämme in ihrem Verdauungstrakt. Stuhlproben von gut erhaltenen Mumien bestätigen dies. Auch die wohl bekannteste europäische Mumie, der Steinzeitmann Ötzi, konnte noch alle vier Stämme sein eigen nennen, ebenso eine Gruppe gut erhaltener Mumien aus einer Mexikanischen Höhle, die in das 7. Jahrhundert datiert werden (5).

Auch heute noch finden sich Naturvölker mit allen vier P. copri Stämmen im Darm, wir industriell geprägten Menschen haben aber nur noch einen einzigen davon. Dieser Rückgang wird mit vielen klassischen Zivilisationskrankheiten wie Reizdarm, Morbus Crohn und so weiter assoziiert, also häufig Krankheitsbilder entzündlicher Natur (6).

Es scheint wie ein Paradox, dass ein Bakterium, dessen Schwund entzündliche Darmerkrankungen provoziert, andererseits für die Entstehung einer Autoimmunerkrankung (7) wie die rheumatoide Arthritis (8) verantwortlich ist und dessen steigende Keimzahl im Darm andere Mikroben wie die Bakteroidetes verdrängt (9). Aber das Beispiel eignet sich als hervorragender Beweis dafür, dass wir noch immer sehr wenig von den Mikroben auf uns und in uns verstehen. Wir wissen lediglich, dass es auf die richtige Dosis und den richtigen Ort ankommt, aber wir sind weit davon entfernt, steuernd eingreifen zu können oder die Funktionen vollumfänglich zu erfassen.

Ein Platz für alles und alles an seinem Platz

Und nach dieser Erkenntnis sollten wir auch unser Handeln ausrichten. Wir wissen nicht, welchen Schaden wir anrichten, wenn wir antibakterielle Reinigungsmittel in Bad und Armaturen verwenden. Alles was wir wissen ist, dass unser Eingreifen in das bestehende System bisher eher schädlich als nützlich war.

Wir sollten also akzeptieren, dass Mikroben ein Teil unserer Welt und unseres Körpers sind und dass sie mehr können, als wir wissen. Wir sollten darauf achten, dass sie dort bleiben, wo sie hingehören (also in der Toilette und nicht in offenen Wunden), aber abgesehen davon tun wir gut daran, uns auf eine friedliche Koexistenz einzulassen.

Links zu Quellen:

(1) Ein bakterieller Hautbewohner mit lebensgefährlichem Potenzial - Bielefelder Forscher entschlüsseln das Genom von Corynebacterium jeikeium, (2005), https://ekvv.uni-bielefeld.de/blog/pressemitteilungen/entry/ein_bakterieller_hautbewohner_mit_lebensgef%C3%A4hrlichem

(2) Emter R, Natsch A, The Sequential Action of a Dipeptidase and a -Lyase Is Required for the Release of the Human Body Odorant 3-Methyl-3-sulfanylhexan-1-ol from a Secreted Cys-Gly-(S) Conjugate by Corynebacteria, Journ of Biol Chem (2018), https://www.researchgate.net/publication/5336373_The_Sequential_Action_of_a_Dipeptidase_and_a_-Lyase_Is_Required_for_the_Release_of_the_Human_Body_Odorant_3-M

(3) Daschner, Franz: Wir fürchten und wie brauchen sie, FR (2008), https://www.fr.de/wissen/fuerchten-brauchen-11574468.html

(4) Dem Infektionserreger auf die Schliche kommen, Eberhard Karls Universität Tübigen (1999), https://idw-online.de/de/news9258

(5) Baumgartner B, Das Artensterben im Bauch, eurac research (2019), http://www.eurac.edu/de/research/health/iceman/Pages/newsdetails.aspx?entryid=134323

(6) DoXmedical, Die Rolle des Darmmikrobioms bei Autoimmunerkrankungen (2018), https://www.rosenfluh.ch/doxmedical-2018-04/die-rolle-des-darmmikrobioms-bei-autoimmunerkrankungen

(7) Drago L, Prevotella Copri and Microbiota in Rheumatoid Arthritis: Fully Convincing Evidence? J Clin Med (2019), https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31683983/

(8) Pharmazeutische Zeitung, Rheumatoide Arthritis: Entzündung aus dem Darm (2013), https://www.pharmazeutische-zeitung.de/2013-11/rheumatoide-arthritis-entzuendung-aus-dem-darm/

(9) Galvet E J, Iljazovic A et.al, Distinct polysaccharide utilization determines interspecies competition between intestinal Prevotella spp., Cell Host & Microbe (2020), https://www.analytica-world.com/de/news/1168491/forscher-finden-das-leibgericht-eines-darmbakteriums.html

Lisa Keilhofer
Lisa Keilhofer
Autor

Lisa Keilhofer studierte an der Universität Regensburg. Sie arbeitet im Bereich Internationalisierung und als freiberufliche Lektorin.

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